Mit „Iiihhhhhh“ reagieren da die meisten Leute. Und ich freue mich darauf, ich habe nun die ungeteilte Aufmeksamkeit, wenn auch nur kurz. Das sollte aber reichen.

Ring frei

Letztens habe ich einem Tweet geschrieben, in dem ich meinte, dass in der Softwareentwicklung: „…nicht der Anspruch auf Qualität zählt, sondern der Anspruch auf Wettbewerbsfähigkeit„. Nach kurzem hin und her erweiterte ich die Erklärung etwas griffiger, mit den Worten: „Der Anspruch an die Wettbewerbsfähigkeit, zieht den Anspruch der Qualität nach sich„.

Ich erntete etwas Beifall, aber auch kritische Stimmen. Was mich veranlasste diesen Blog-Post zu schreiben, um meinen Gedanke mehr Raum zu geben als nur die 140 Zeichen Twitter Postings.

(Der nun folgende Text hat seinen Ursprung in der Unzufriedenheit der Wiederholung. Etwaige Ähnlichkeiten mit bekannten Situationen ist rein zufällig, macht aber die Umfang der Wiederholung deutlich. Die Metapher der Boxringes wird zu Demonstrationszwecken benutzt und hat nichts mit den Besprechungsräumen der Unternehmen zu tun.)

Die Kontrahenten

In der linken Ecke: Das Management, das ein verkaufbares Produkt zum zahlen der monatlichen Kosten braucht. Die Manager symbolisieren den Anspruch auf Wettbewerbsfähigkeit.

In der rechten Ecke: Die Entwickler, die ein schlechtes Gewissen bekommen, wenn ihr Code nicht wartbar, flexibel und weiteren Attributen der „sauberen Software“ genügen (siehe Clean Code Developer) . Sie symbolisieren den Anspruch auf Qualität.

Nun mag der ein oder andere Leser dazu neigen und behauptet es gäbe da noch mehr. Stimmt, „recht du hast, mein junger Padawan“ [1], sage ich da, denn der überwiegende Teil der Entwickler ist hier noch nicht aufgeführt. Auch wenn es in den letzten (!) Jahren besser geworden ist, gibt es immer noch abertausende Entwickler, deren Anspruch als sirenenhaft beschrieben werden kann. Das sind diejenigen, die Morgens im Büro vor der Tür das Hirn abgeben und abends erst wieder einsetzen. Dazwischen werden Codezeilen produziert, die das Ziel haben, das Produkt für immer an den Entwickler zu binden. Das ist die Gruppe Entwickler, die perfekt zum Manager passen und daher auch der linken Ecke zugeordnet werden sollten.

Ich gebe es hier offen und ehrlich zu, ich gehöre eindeutig in die Ecke der Entwickler mit dem Anspruch auf Qualität.

Runde 1

Der Manager entscheidet sich für ein neues Produkt. Ohne viele Worte formuliert er eine Anforderung. Gerade heraus zielt er direkt auf den Entwickler und verpasst ihm damit einen schweren Schlag. Leicht strauchelnd fasst der Entwickler Mut und geht auf den Manager zu, um mit feinen Worten in die Deckung der Anforderungsanalyse zu gehen. Das trifft den Manger so hart, dass er kurz darüber nachdenkt, das Handtuch werfen zu lassen, um sich einen neuen Gegner von einem anderen Kontinent zu suchen.

Da der Manager diese Situation aber kennt, weicht er dem Entwickler bei der nächsten Anforderungsanalyseparade aus und holt zum „Das ist doch ganz einfach mit Copy und Paste erledigt“-Schlag aus. Der Entwickler ist getroffen. Die Sinne sind benebelt und ein lauter Piepton im Ohr des Entwicklers verhindert, dass weitere Signale im Hirn ankommen. Ein dumpfer Schlag auf die Wange lässt den Entwickler vermuten, dass er der Länge nach hingeschlagen ist.

Da kommt der erlösende Gong.

Rundenpause

Die Trainer und Berater instruieren die Kontrahenten für die nächste Runde. In der Managerecke hört man nur ein leises: „… na siehste, ist doch wie immer. der CP-Punch klappt immer. In der nächsten Runde ist er erledigt“. Doch in der Ecke des Entwicklers ist ein wildes Durcheinander entstanden.

Der Kämpfer selbst ist schon wieder voll auf den Beinen und hoch motiviert. Aber sein Team scheint den selben Schlag abbekommen zu haben. Da meldet sich eine Stimme im Hintergrund und wiederholt mantraartig: „… denke an den heiligen Clean Code, lasse dich nicht ablenken vom Brownfield, arbeite strukturiert, die Anforderungen sind entscheidend, du hast das Recht darauf gute Software abzuliefern…“. Nun erwacht das Team auch wieder aus der Lethargie und scheint sogar die letzten Sekunden vollständig vergessen zu haben.

Mit vollem Einsatz wird der Entwickler für die nächste Runde vorbereitet.

Der Gong ertönt

Runde 2

Der Manager ist schnell in der Mitte der Ringes und öffnet auch schon den Mund für den nächsten „CP-Punch“, aber das war genau das, was der Entwickler erwartete. Er holt aus seiner „überdimensionalen Hosentasche“ [2] die CCD-Argumentbazooka raus und feuert sie direkt auf den Manager ab. Die Begriffe „Evolvierbarkeit“, „Korrektheit“ und „Produktionseffizenz“ zerbarsten an der Brust des Managers und scheinen keinerlei Spuren zu hinterlassen. Doch was ist das? Zwei scheinbar unbedeutende Wörter – sie waren nur Lückenfüller in der Argumentationsgranate – scheinen sich einen Weg direkt in das Hirn des Managers zu bahnen. Nahezu ungehindert dringen „Wettbewerb“ und „Kostenreduzierung“ vor und hinterlassen hässliche Wunden.

Der Manager ist zweigeteilt. Beide Hälften beginnen nun einen wilden Ringkampf und der Entwickler ist außen vor. Die Menge jubelt… Sie jubelt? Welche Menge? Niemand außer den beiden Teams ist in der Halle und am Ring.

Das Team „Entwickler“ packt schon die Sachen ein, der Sportler selbst dreht dem Ringerpärchen den Rücken zu, da gibt es plötzlich einen grellen Blitz und der Entwickler ist nicht mehr an seinen Platz. Das Team „Manager“ hat aus den hinteren Reihen die „Kündigung“ gezündet. Durch den Blitz verwirrt, sind die beiden Hälften des Managers so abgelenkt, dass das Team „Manager“ in der Lage ist, die Hälften widerstandslos zu einem Ganzen zusammen zu fügen.

Was eben noch nach einem Sieg für das Team „Entwickler“ aussah, scheint nun eine saftige Niederlage zu sein.

Der Gong ertönt.

Siegerehrung

Da nun nur noch der Manager im Ring ist. Sieht es so aus, als ob es einen eindeutigen Sieger gibt, doch weit gefehlt. Der Schiedsrichter betritt den Ring und alle halten den Atem an. Es ist der unbeliebteste Schiedsrichter, den sich die Manager je gewünscht hätten, Zeit.

Zeit nimmt den Arm des Managers am Handgelenk fest in den Griff. Der schaut sich hilfesuchend um, aber das Team „Manager“ ist schon längst weg. Er ist nun allein mit Zeit und dem Team „Entwickler“. Der Manager setzt sein wehleidigstes Gesicht auf, an das er sich noch aus seiner Kindheit erinnert und ruft laut „Willst du, dass wir sterm?“[3]. Da reißt Zeit dem Manager den Arm so heftig in die Höhe, dass er sich vom Körper löst.

Blende und aus.

Egal wie groß der Wunsch nach „Schnell-Schnell-Software“ auch ist, früher oder später wird man vom Leben überrollt. Da hilft es auch nicht, wenn die Unbequemen entfernt werden und nur noch die Konformen die Wünsche „einfach mal“ umsetzen. In diesen Zeiten stehen ganz sicher weitere Wettbewerber in den Startlöchern um mit der Dampfwalze des Lebens los zu fahren.

~Jan

— Quellenangaben

[1] Meister Joda aus Star Wars(tm)

[2] Lucas Arts, „Indiana Jones and the Fate of Atlantis“

[3] Die Ärzte, „Jazz ist anders“, Titel: Junge

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