Christoph Columbus

Christoph Columbus

Wir schreiben das Jahr 1492. Ein gebürtiger Italiener namens Cristoforo Colombo macht sich auf den Weg gen Westen, um auf dem Seeweg nach Indien zu gelangen. Das besonderere hierbei ist die Tatsache, dass die Mehrzahl der einfachen Bevölkerung davon ausgeht, die Erde sei eine Scheibe und man fällt am Ende des Wassers einfach herunter. Um so weniger erstaunt es, dass die Besatzung der Schiffe, die Christoph Columbus – so wird er in Deutschland genannt – begleitet, aus Kleinkriminellen und sehr schlecht ausgebildeten Männern besteht.

Was bewegte Christoph zu diesem Abenteuer. Zum Einen natürlich die Theorie des Galileo Galilei, der mittels diverser Experimente nachgewiesen haben möchte, dass die Erde eine Kugel ist. Darum muss es doch möglich sein, wenn man im Westen losfährt, dass man im Osten ankommt. Zum Anderen soll der junge Christoph oft am Hafen gesessen und die abfahrenden Schiffe beobachtet haben. Dabei sei ihm aufgefallen, dass nach einer gewissen Zeit von den Schiffen nur noch die Segel und nicht mehr der Rumpf zu sehen war. Er schloss daraus, dass es zumindest eine Krümmung der Erdoberfläche geben muss.

Beflügelt von diesen Gedanken, versuchte er eine Expedition für Portugal, der damaligen größten Seemacht der bekannten Welt, zu organisieren. Zu dieser Zeit war es wirtschaftlich überaus wichtig für Europa an die Gewürze des Ostens heran zu kommen, ohne den Landweg nehmen zu müssen. Hier lagen Räuber, Zollämter und Osmanen auf dem Weg, die ein schön großes Stück vom Gewürzkuchen ab haben wollten.

Offenbar hatte Portugal nicht verstanden, oder zumindest konnte Christoph hier niemanden für seine Expedition begeistern, und lehnte so die notwendigen Mittel ab.

Nach einigem Hin und Her konnte Christoph die Spanische Königin von seinem Vorhaben überzeugen, in dem er ihr drei Schiffe und die mieserable Mannschaft absprechen konnte. Für Spanien kein hoher Preis für die Möglichkeit einen Seeweg nach Indien zu finden.

Er hatte nun alles zusammen, um gen Westen zu segeln, in unbekannte Gewässer und der groben Schätzung von sechs Wochen, in denen er mit seiner Crew in Indien ankommen wollte. Was daraus wurde ist uns allen bekannt. Statt der sechs Wochen wurden es fast sieben Monate, die Besatzung stand direkt vor der Meuterei und Indien war es auch nicht, was gefunden wurde.

Der Entdecker

Nur mit der Vision bewaffnet findet Christoph neues Land. Die Steine auf seinem Weg hat er teils schmerzlich umschiffen können und wegen des ausbleibenden wirtschaftlichen Erfolges, wurde er nicht als der Held gefeiert, der er eigentlich war.

Sein Ruf wurde systematisch zerstört, als heimkehrende Siedler am Hofe zu Spanien behaupten, er könne die Kolonie nicht vernünftig verwalten. Tja, er ist ja auch nie als Verwalter auf die Reise gegangen. Statt dessen ist er mit einer Idee gestartet und hat etwas völlig Neues probiert (zumindest für die damalige „zivilisierte“ Welt). Er hatte gelernt ein Schiff und die dazugehörige Besatzung zu steuern, niemals eine ganze Kolonie.
Die ersten Siedler, die er auf dem Festland hinterließ stifteten unter den Ureinwohnern Unfrieden und zerstritten sich selbst. Sie mordeten und versklavten ohne jegliche Rücksicht. Ist das denn die Schuld vom Christoph, der schon längst wieder auf dem Heimweg war? Sicher nicht.

Die Siedler

Während nun Christoph auf dem Weg nach Spanien ist, um von seinem Erfolg zu berichten, errichten die ersten Europäer in „Indien“ (aka Cuba) sie erste Festung. Man benutzte dafür die Reste eines der Schiffe, das in eine Untiefe geraten und für Rückreise nicht mehr zu gebrauchen war. Diese ersten Siedler waren scheinbar handwerklich geschickt genug, um Behausungen zu schaffen und eine europäische Zivilisation zu errichten.

Ohne notwendige Führung und Organisation zerfiel diese „Zivilisation“ recht bald und sorgte für die ersten Auseinandersetzungen in der neuen Welt. Was in den Jahrhunderten danach zu einer Art Kult wurde.

Entdecker und Siedler

Meine Beobachtungen der letzten Jahre in der Softwareentwicklung zeigen mir, dass es hier genau so die Entdecker und Siedler gibt. Jeder hat seine bedeutende Aufgabe, die ohne den anderen keinen Sinn ergibt.

Nehmen wir eine der Hochsprachen C#. Sie wurde ja nicht ohne Grund einfach zum Spaß aus dem Boden gestampft. Es gab da eine Reihe von Visionen, die erfüllt werden wollten. Das war nur möglich mit einer neuen Programmiersprache – so die Visionäre. Ich erinnere mich noch sehr genau an das Werbevideo bei dem Bill Gates von „… every time on any device…“ spricht. Eine wirklich hochgreifende Vision und mit Sicherheit kein einfacher Weg. Er ist meines Erachtens noch längst nicht abgeschlossen, der Weg der Programmiersprache, die auf jedem Gerät funktioniert.

Doch was nützt es jeden Tag ein neues Release zu liefern, wenn niemand da ist, die neue Programmiersprache in Projekten zu benutzen? Nichts natürlich…

Als ich zum ersten Mal von einem EventStore gehört habe war mir in keinster Weise klar, was hier auf mich zu kommt. Welche Möglichkeiten und teils auch Schmerzen vor einem liegen. Inzwischen gehe ich sehr leidenschaftlich mit dieser Technologie um. Bis vor Kurzem noch habe ich mich nie gefragt, woher sie stammt. Ich konsumierte nur. Nun weiß ich mehr darüber, über die Funktionsweise und den Zweck dessen. Ich beginne mit Experimenten und arbeite an Variationen, ich beginne Neues Land zu entdecken.

Ein Softwareentdecker bereitet das Land für die Softwaresiedler, diejenigen, die lernen mit den Technologien um zu gehen und diese in den Projekten anwenden. Hier ist eine Symbiose entstanden, die meines Erachten viel zu oft vergessen wird. Viel zu oft werden Entdecker in die Rolle eines Siedlers gezwungen. Was dabei herauskommt könnte man schlichtweg als Katastrophe bezeichnen. Ein Projekt, das nur von Entdeckern realisiert werden soll, wird nie fertig, denn die nächste Technologie steht schon vor der Tür.

Im Dschungel


Mit der Machete schafft man sich einen Weg durch einen Dschungel. Was einen erwartet ist eigentlich unklar, denn bisher ist hier noch niemand lang gegangen. Wie lange es dauern wird, um die anvisierte Bergspitze zu erreichen ist auch vollkommen unbekannt. Manchmal neigt man dazu eine Schätzung abzugeben, weil man ja schon 100 Kilometer Dschungel mit dem Messer zerteilt hat und dann stößt man auf ein Hindernis, das man einfach nicht sehen konnte – ein Abgrund von einigen hundert Metern.

Im Laufe der Zeit entwickelt man eine Fertigkeit mit der Machete, dass es eine Freude ist zu zu schauen, wie Blätter, Äste und kleine Bäume vom Messer zerteilt werden. Fast schon im Rausch kämpft man sich dem Ziel entgegen. Dann, nach unbekannt viel Zeit, ist man endlich angekommen und dreht sich um. Pure Enttäuschung macht sich breit. Der wunderschön geschnittene Weg ist nicht zu sehen, er ist im Laufe der Zeit entweder zugewachsen oder wird von all den andern Pflanzen rings um verdeckt.

Na wenn das so ist, dann schnell ran an das nächste Ziel, diesmal werden wir besser arbeiten und verwenden nicht diese Machete. Der Entdecker hat gehört, dass man mit einer Kettensäge viel schneller voran kommt.

So schließt sich der Teufelskreis. Zum Einen lernt der Entdecker im Laufe der Zeit das Werkzeug mit Perfektion zu führen und zum anderen hat er schlicht vergessen – es liegt in seiner Natur -, dass es noch andere Expeditionsteilnehmer gibt, die nicht so schnell sind. Die anderen waren aber dafür gedacht die Expeditionslager zwischen durch auf zu bauen. Die Lager, bei denen man am Abend am Lagerfeuer reflektieren kann, was am Tag zuvor entdeckt wurde und wie das geschah.

Gangs of New York

Während sich der Entdecker im Rausch weiter durch den IT Dschungel schlägt und die anderen vergessen hat, warten diese am Anfang der Expedition auf eine Reaktion des Entdeckers. Keiner hat so recht verstanden, warum man überhaupt auf diese Expedition mitgenommen wurde. Bis auf die viel zu kleine Prämie, die jeden Monatsende auf ihn wartet, hält ihn nichts wirklich mehr hier im Dschungel. Der Entdecker ist eh schon weg und das Basislager ist auch schon ganz runter gekommen. Unmut und Streit macht sich breit. Einer der Kollegen behauptet den Weg des Entdeckers gefunden zu haben und folgt diesem. Andere Kollegen haben gänzlich auf gegeben und beginnen die giftigen Beeren am Lagerrand zu essen oder streiten sich unablässig über die korrekte Benutzung der Machete.

Warum wurde diese Expedition überhaupt gestartet? Ach ja, die letzte Siedlung, die wir gebaut haben ist schwer erkrankt und dann ausgestorben wegen der fehlenden Kanalisation. „Woher hätten wir denn wissen sollen, dass man so etwas neumodisches braucht?“ fragt sich der ein oder andere Siedler. „Hätte man mir vorher gesagt, dass aus der Siedlung eine Stadt werden soll, dann hätte ich doch ganz anders gebaut.“

Epilog

Es geht nicht ohne den anderen. Der Siedler ist vom Entdecker abhängig und anders herum. Nur die Zusammenarbeit führt zum gewünschten Erfolg, weil jeder für sich Wegbereiter oder Rückenfreihalter des anderen ist. Das diese These noch lange nicht in den Köpfen angekommen ist zeigen die vielen Projekte, die den Bach hinunter gehen. Viel zu oft ist der Entdecker vorgeprescht und hat dabei vergessen die Siedler im Schlepptau mit zu nehmen. Auf der anderen Seite stehen die Siedler, die viel zu oft vergessen, dass sie nur auf der Basis der Entdecker siedeln können. Ihnen fehlen die Mittel den Boden zu schaffen.

Leider habe ich in den vielen Jahren feststellen dürfen, dass viele der Entdecker und Siedler, nicht bereit sind zu zu geben, dass sie den anderen brauchen. Der Entdecker ruht sich auf der Ausrede aus, dass der Siedler keinen Bock hat Neues zu lernen – stimmt ja auch, Neues ist nicht erprobt. Und der Siedler ruht sich darauf aus, dass das was er tut für ihn ausreicht – klar doch, mit Cobol kann man komplexe Applikationen schreiben.

Na, ein paar berühmte Beispiele gefällig?

„Die Erde ist eine Scheibe, um die sich die Sonne dreht.“
„Den Sozialismus in seinem Lauf halten weder Ochs noch Esel auf.“
„640 KB sollten reichen.“
„Ich denke, dass es einen Weltmarkt für vielleicht fünf Computer gibt.“
„NoSQL wird die relationalen Datenbanken ablösen.“

Hier noch mehr solcher netten Zitate.

Nun ist es die Aufgabe des Lesers selber zu identifizieren, wer oder was er ist, Entdecker oder Siedler. Zudem soll jeder selbst die Metapher für sich interpretieren und die Wörter „Expedition“, „Dschungel“, „Machete“, „Bergspitze“, „Abgrund“, „giftige Beeren“, „Siedlung“ und „Kanalisation“ durch Begriffe seiner Projektarbeit ersetzen.

~janekf

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